DoktorandInnen unterwegs: Andreas Streinzer in Frankfurt

27.08.2019

Den Kultur- und Sozialanthropologen Andreas Streinzer führte seine Forschung für neun Monate ans Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main zu Prof. Axel Honneth.

In seiner Dissertation "Reconfigurations of provisioning. Austerity and interdependency in Volos, Greece" geht es um die Veränderung wirtschaftlicher Alltagsleben in Griechenland während Rezession und Sparpolitik. Für die Studie hat der mittlerweile promovierte Sozialwissenschafter zwölf Monate in Haushalten in der Stadt Volos gelebt und ethnographische Feldforschung gemacht. Das reichte von Finanztagebüchern bis zu Begleitung beim Einkaufen oder ans Finanzamt. Die Arbeit zeigt die dramatischen Veränderungen während der Wirtschaftskrise, die Abhängigkeit von ArbeitgeberInnen und wie unbezahlte Hausarbeit und solidarische Netzwerke für den Ausfall staatlicher Versorgung herhalten müssen. 

Der Forschungsaufenthalt am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main von September 2017 bis Mai 2018 wurde über das Marietta Blau Stipendium des OeAD finanziert.

 

  • Warum haben Sie sich für einen Auslandsaufenthalt in Frankfurt entschlossen? Inwiefern war dieser für Ihre Forschung wichtig?

In der Analysephase meiner Dissertation wollte ich an ein Institut, an dem Forscher*innen an der Verbindung von kritischer Sozialtheorie und empirischer Sozialwissenschaft arbeiten. Für mich lag es nahe, zu versuchen, ans Institut für Sozialforschung zu kommen. Hier analysierten Horkheimer, Adorno und Ihre Schüler*innen wie Regina Becker-Schmidt, Habermas und Axel Honneth große gesellschaftliche Veränderungen und formulierten Versionen kritischer Theorie, die auch heute noch international große Strahlkraft haben.

Zudem waren es auch pragmatische Gründe, denn meine Finanzierung im Rahmen eines ÖAW DOCteam Stipendiums ging zur Neige zu und ich konnte durch das Marietta Blau Stipendium der OeAD einige Monate bezahlt am Schreiben meiner Dissertation verbringen. Daraus ist einiges Gutes für meine Forschung entstanden, unter anderem viele Kontakte und neue Freund*innen und nicht zuletzt auch eine Anstellung am Institut nach dem Auslaufen meines Stipendiums.

  • Was ist Ihnen von Ihrer Zeit in Frankfurt besonders in Erinnerung geblieben? Was war besonders überraschend/aufregend?

Am eindrücklichsten für mich war, wie herzlich und interessiert ich willkommen geheißen wurde. Gleich an meinem ersten Tag traf ich Axel Honneth und nach nach die anderen Forscher*innen. Schon nach wenigen Wochen war ich in diversen Kolloquia und Arbeitskreisen involviert. Meine Kolleg*innen am IfS habe ich als unglaublich engagiert, kollegial und entspannt erlebt. Ich muss zugeben, dass ich davon überrascht war, so viel Herzlichkeit an einem so renommierten Institut vorzufinden.

Als Sozialanthropologe hatte ich mir meine Anwesenheit auf dem eher an Sozialphilosophie und Soziologie orientierten Institut als die eines interessierten Außenstehenden vorgestellt. Auch hier wurde ich überrascht, einerseits weil am Institut sehr viele verschiedene Disziplinen vertreten waren und andererseits, weil Ethnographie und Feldforschung dort als Hoffnung für die kritische Sozialwissenschaft verstanden wurde. Das war wohl eines der wichtigsten Erfahrungen meines Aufenthaltes. Wäre ich in meiner Disziplin und meinem Institut geblieben hätte ich weiter den Eindruck gehabt, dass ethnographische Methoden und Sozialanthropologie eher ein Nischenprogramm in der allgemeine Sozialwissenschaft seien. Am IfS jedoch gab es dazu jede Menge Arbeitskreise, Workshops und zunehmend wurde ich in die Organisation und Gestaltung mit hineingenommen, was dann auch zu meiner Anstellung führte.

  • Wo lagen die Herausforderungen?

Zu Beginn war ich überrascht und begeistert von den vielen Möglichkeiten zu Kolloquia, Workshops, Arbeitsgruppen etc. und musste mich dann nach und nach abgrenzen, um eine Balance aus Teilnahme am Institutsleben und der Arbeit an meiner Dissertation zu finden.

Manchmal war gerade das interdisziplinäre Arbeitsumfeld am Institut eine Herausforderung. Auch weil sich dort sehr unterschiedliche Wissenschaftskulturen treffen und man erst entschlüsseln muss, was das unterschiedliche Auftreten bedeutet und eine gemeinsame analytische Sprache finden. Insgesamt war das eine große Bereicherung, hat aber beizeiten eine Art Heimweh nach meiner eigenen Disziplin mit sich gebracht.

  • Haben Sie Tipps für andere DoktorandInnen für die Planung und Durchführung eines Auslandsaufenthaltes?

Meine Erfahrungen mit dem Auslandsaufenthalt waren derart positiv, dass ich es jede*r empfehlen würde, wenn die Möglichkeit dazu besteht. Es gibt einige Stellen, die Stipendien für Auslandsaufenthalte vergeben, darunter die OeAD, die Uni Wien aber auch von Stellen in den Ländern, in die man gehen möchte. Für mich selbst war es sehr wichtig, dass es am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie viele Kolleg*innen gab, die solche Stipendien erfolgreich eingeworben haben und die bereit waren, ihre Erfahrungen zu teilen. Es ist enorm hilfreich, Anträge und Tipps von erfolgreichen Antragsteller*innen zu bekommen, traut euch jemanden zu fragen! Das gilt ebenso für die Institute und Forscher*innen, zu denen ihr gehen möchtet. Als ich die Idee hatte, ans Institut für Sozialforschung zu wollen war das eher ein Traum, für mich hat das damals nicht realistisch gewirkt. Kolleg*innen haben mir Mut gemacht, an Axel Honneth zu schreiben und er hat tatsächlich fünf Minuten später sehr positiv geantwortet. Traut euch und sucht euch Unterstützung bei Kolleg*innen, dem Doktorand*innenzentrum, dem Graduiertenzentrum, etc.!


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Stadt Frankfurt
Andreas Streinzer beim Vortrag (Copyrights: A. Streinzer)