DoktorandInnen unterwegs: Simon Reisenbauer in Äthopien und Thailand

22.10.2019

Der Bildungswissenschaftler forschte für seine Dissertation an der Addis Ababa University in Äthiopien und an der Srinakharinwirot University in Bangkok.

In seiner Dissertation mit dem Titel “Constructing and Managing Difference in Pedagogical Practices in Bangkok (Thailand), Addis Ababa (Ethiopia) and Vienna (Austria)” untersucht Simon Reisenbauer das alltägliche pädagogische Handeln von Lehrpersonen in heterogenen Primarschulklassen aus internationaler Perspektive. Dabei bearbeitet er die Frage, wie Lehrer*innen im Unterricht Differenzen zwischen Schüler*innen (re)produzieren und wie diese in den pädagogischen Praktiken der Lehrpersonen eingeschrieben sind.

Im Zuge seiner Arbeit sind insgesamt 4 Aufenthalte zu je 4 Monaten in den beiden Forschungsfeldern geplant. Das Marietta Blau-Stipendium ermöglichte dem Jungwissenschaftler jeweils 2 Aufenthalte an der Addis Ababa University (AAU) in Äthiopien und einen 4 monatigen Aufenthalt an der Srinakharinwirot University (SWU) in Bangkok, den er im Oktober 2019 antreten hat. Darüber hinaus absolvierte der Bildungswissenschaftler einen Erasmus+ PhD study visit an der SWU in Bangkok.

Zusätzlich zur Forschung an seiner Dissertation waren die Aufenthalte mit Projektaktivitäten in zwei internationalen Forschungsprojekten verbunden: Inclusion in Education for Persons with Disabilities (INEDIS, finanziert durch APPEAR, siehe www.appear.at/inedis) und Professional Development of Teachers to Foster Inclusive Teaching Practices in the Context of Education, Disability and Migration (ProITEM, finanziert durch die Kommission für Entwicklungsforschung).

 

  • Warum haben Sie sich für die Auslandsaufenthalte in Addis Abeba und Bangkok entschlossen? Inwiefern waren diese für Ihre Forschung wichtig?

Die Aufenthalte in Addis Abeba und Bangkok sind ein wesentlicher Teil meines Forschungsprojekts. Die ersten beiden Aufenthalte dienten dabei zur Erhebung meiner empirischer Daten. Mit Unterstützung der Kolleg/innen vor Ort arbeitete ich mit Lehrer/innen an jeweils 2 Primarschulen in Addis Abeba und Bangkok zusammen. Ich nahm beobachtend an ihrem Unterricht teil und zeichnete Unterrichtsstunden mittels Unterrichtsvideographie auf. Ausgewählte Ausschnitte des Unterrichts wurden im Anschluss gemeinsam mit den Lehrer/innen reflektieren. Dadurch entstand ein reichhaltiger Datensatz aus Unterrichtsvideos und Reflexionsgesprächen, die ich gemeinsam mit den Forschungspartnern derzeit qualitativ auswerte. Dazu dient der jeweils zweite Aufenthalt. Neben der Datenerhebung ist ein ausgedehnter Aufenthalt in den Forschungsfelder für meine Dissertation notwendig um einen Einblick in den jeweiligen sozialen Kontext vor Ort zu erhalten um im Sinne ethnographischer Feldforschung die Daten und die Auswertung darin verorten zu können.

  • Was ist Ihnen von Ihrer Zeit in Addis Abeba und Bangkok besonders in Erinnerung geblieben? Was war besonders überraschend/aufregend?

Der spannendste Aspekt der Aufenthalte in Addis Abeba und Bangkok ist das Eintauchen in sehr unterschiedliche kulturelle und soziale Kontexte. Beide Gesellschaften haben eine lange sehr reichhaltige kulturelle Geschichte, die jeweils auf sehr eigene Art in beiden Ländern im Alltag präsent ist. Dabei war ich immer wieder mit Eindrücken und Situationen konfrontiert, die ich zum Teil staunend, zum Teil überrascht nachvollziehen musste. Dazu gehören unter anderem ganz alltägliche Begegnungen mit Menschen aber auch die Zusammenarbeit mit Kolleg/innen und Lehrpersonen im Zuge der Unterrichtsbeobachtungen und Reflexionsgesprächen: Angefangen von der Art der Begrüßung über Besprechungen mit Kolleg/innen am Institut bis hin zu Interaktionen zwischen Lehrer/innen und Schüler/innen in der Klasse. All dies zu verstehen und einzuordnen ist eine sehr spannende Aufgabe. Gleichzeitig gab es auch Unterschiede in der theoretischen Fundierung des Forschungsgebiets, die zu sehr interessanten Diskussionen geführt hat. Diese Auseinandersetzung ist dabei ein wesentlicher Teil meiner Dissertation und eine große Bereicherung, persönlich als auch wissenschaftlich. Eindrucksvoll sind auch die gut besuchten Tempel in Bangkok und Kirchen in Addis Abeba, die im Leben der buddhistischen bzw. äthiopisch orthodoxen Bevölkerung eine wichtige Rolle spielen. Dabei sind mir nicht nur die Bauwerke an sich stark in Erinnerung geblieben, sondern vor allem die Bedeutung, die diese Orte für die Menschen haben.

  • Wo lagen die Herausforderungen?

Eine der interessantesten Herausforderungen war/ist gerade die Arbeit in den sehr unterschiedlichen (Forschungs-)kulturen. Trotz ähnlicher Ausrichtung an internationalen Diskursen um Inklusive Bildung (z.B. an der UN Convention on the Rights of Persons with Disabilities) ist das Forschungsverständnis und dessen praktische Umsetzung an den drei Universitäten sehr unterschiedlich. So war es anfänglich wichtig mich mit den Routinen und Konventionen an den Universitäten vertraut zu machen. Welche Formalitäten müssen zur Datenerhebung geklärt, welche Institutionen eingebunden werden? Wie funktioniert die Kontaktaufnahme mit Schulen und Lehrpersonen? Übersetzung und Koordination der Aktivitäten musste organisiert und Absprachen mit Interviewpartnern getroffen werden. Diese Herausforderungen zu meistern wäre ohne die großartige und vielfältige Hilfe und Unterstützung meiner Kolleg/innen vor Ort nicht möglich gewesen.

  • Haben Sie Tipps für andere DoktorandInnen für die Planung und Durchführung eines Auslandsaufenthaltes?

Meine Forschung ist am Institut für Bildungswissenschaft im Arbeitsbereich Inklusive Bildung angesiedelt, der stark international ausgerichtet ist. Um meiner Fragestellung vor Ort nachzugehen, konnte ich daher auf bereits bestehende Forschungskooperationen mit den beiden Forschungspartnern in Addis Abeba und Bangkok aufbauen. Dadurch konnte ich mich rasch auf meine Forschungsfrage konzentrieren und gleichzeitig auf Unterstützung durch Kolleg/innen vor Ort zählen. Es ist daher aus meiner Sicht sehr hilfreich in der Planung und Durchführung von Auslandsaufenthalten wenn möglich auf bestehende Strukturen aufzubauen.


Weitere Beiträge im PhD Corner

Tempel in Bangkok
Klassenzimmer in Bangkok
Eingang Addis Ababa University (Fotos: S. Reisenbauer)